Im Portrait: Caroline Hilb Paraskevopoulos

Frauen sind in Schweizer Chefetagen nach wie vor die Ausnahme - dies gilt auch für den Bankensektor. Caroline Hilb Paraskevopoulos ist eine von ihnen. Die Leiterin Anlagestrategie der St.Galler Kantonalbank ist nicht nur vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als Expertin bekannt. Immer wieder steht sie auch medial im Rampenlicht. Wir haben sie zum Gespräch getroffen und wollten von ihr wissen, wie sie zur Bank kam und wie sie als Frau in dieser männlich dominierten Finanzwelt zurechtkommt.

Wer den Lebenslauf von Caroline Hilb Paraskevopoulos studiert, wird staunend die Augenbrauen hochziehen: Die 36jährige ist bereits seit 2008 Leiterin der Anlagestrategie bei der St.Galler Kantonalbank und damit verantwortlich für die Einschätzung der globalen Finanzmärkte und Wirtschaftsaussichten. Dabei hatte sie gerade erst einige Jahre zuvor als Trainee in der Bank angefangen. Ein steiler Aufstieg, der aber nicht von ungefähr kommt. «Schon als kleines Mädchen wusste ich, was eine Aktie ist. Bei uns in der Familie waren Finanzen, Wirtschaft und die Börse ein selbstverständliches und beliebtes Gesprächsthema», erklärt Caroline Hilb.

Trotzdem hatte die im thurgauischen Kreuzlingen aufgewachsene Bankerin zuerst einen ganz anderen Weg eingeschlagen: Ursprünglich wollte sie Lehrerin werden, hat das Lehrerseminar besucht und nach erfolgreichem Abschluss auch für kurze Zeit im Thurgau unterrichtet. «Ich merkte jedoch rasch, dass dieser Beruf nicht das Richtige ist für mich. Ausserdem hatte ich schon lange den Wunsch zu studieren, mir war nur nicht klar, welche Studienrichtung ich belegen sollte», beschreibt sie ihre damalige Situation.

Schliesslich entschied sich die frischgebackene Lehrerin für ein Studium an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bern, belegte im Hauptfach Volkswirtschaftslehre. «Es war tatsächlich so: In den meisten Seminaren und Vorlesungen waren eher wenige Frauen anwesend», blickt sie zurück. Parallel zum Studium begann sie zudem als Journalistin zu arbeiten und lernte dabei von der Pike auf, worauf es beim Schreiben ankommt.

Eine gefragte Expertin

Zu den zentralen Aufgaben der Leiterin Anlagestrategie gehört neben der Analyse der Märkte vor allem die Kommunikation der Konjunktur- und Markteinschätzung. So steht die Ökonomin nicht nur den interessierten Medien Red und Antwort, sondern publiziert zusammen mit ihrem Analystenteam aus dem Investment Center Monat für Monat die «Anlagepolitik» der St.Galler Kantonalbank. Caroline Hilb ist eine gefragte Expertin – innerhalb der Bank wie auch ausserhalb. Sie hält Referate bei renommierten Firmenkunden oder Businessclubs, tritt im Fernsehen auf, gibt Interviews für Zeitungen oder Fachzeitschriften und ist auch intern für zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine wichtige Ansprechpartnerin. Bei Kundenanlässen, Podiumsdiskussionen oder im TV steht sie immer wieder im Rampenlicht. «Das alles ist unheimlich wichtig. Viele haben das Gefühl, unsere Aufgabe bestehe einfach darin, die Analyse zu machen. Das reicht jedoch nicht. Die erhaltenen Resultate und Einschätzungen müssen auch kommuniziert werden. Unser Ziel muss es sein, dass sich die Medien oder andere Anspruchsgruppen für unsere Meinung interessieren. Dann wissen wir, dass wir unseren Job gut gemacht haben», so Hilb.

Caroline Hilb Paraskevopoulos

Caroline Hilb Paraskevopoulos (rechts), Leiterin Anlagestrategie der St.Galler Kantonalbank, mit Komödiantin Anet Corti im Rahmen der Frau und Finanz Veranstaltungsreihe.

Humor als Strategie

Das Analystenteam um Caroline Hilb besteht aus Männern. «In diesem Umfeld ist es für eine Frau nicht immer einfach. Man braucht manchmal eine dicke Haut. Wenn mich etwas oder jemand ärgert, nehme ich es möglichst mit Humor», lacht sie. Viele Männer sind vielleicht auch erst einmal erstaunt, wenn sie zum ersten Mal mit der Ökonomin zu tun haben. Vielleicht erwarten sie eine bissige Karriere-Frau oder eine rationale Analytikerin, doch dann steht vor ihnen eine offene und aufgestellte Person, die so gar nicht in das Schema passen will, das man von einer Bankerin in Kaderposition zu haben pflegt. Konkurrenzdenken, Hackordnung und Gender-Diskussion – mit all diesen Begriffen kann sich die Kaderfrau nicht identifizieren. «Ein wichtiger Wert, den mir meine Eltern mitgegeben haben, ist, einen Menschen nie nach seinem Aussehen oder seiner Herkunft zu bewerten. Das gilt auch fürs Geschlecht. Meine Devise ist es, immer authentisch zu sein und jede Person anständig zu behandeln», ist sie überzeugt. So geht sie denn auch auf Kritiker direkt und offen zu oder kontert einen direkten Angriff auf ihre Persönlichkeit mit verbalem Aikido.

Ankommen und Abschalten

In der Regel steht die Bankerin aus Lustmühle um 05.20 Uhr auf. Bereits um 5.50 Uhr ist sie aus dem Haus und pendelt mit dem Zug nach Zürich. Während der Fahrt liest sie die NZZ und erledigt bereits erste Arbeiten. Bis zum Mittag vergeht die Zeit mit Sitzungen, Lektüre und Schreiben. Die Mittagspause ist ihr heilig. Danach geht es wieder ins Büro bis knapp vor 17.00 Uhr. Im Zug nach Hause liest sie noch einige Texte, aber nur bis zum Bahnhof Wil, danach ist definitiv Schluss mit arbeiten. Zu Hause verbringt sie viel Zeit mit ihrer Familie. «Das gemeinsame Essen mit meiner Familie ist der wichtigste Moment des Tages», bekräftigt die engagierte Businessfrau. Den Freitag geniesst sie zusammen mit ihrer Tochter Sophia, schlendert mit ihr zum Bauernmarkt, zum Metzger oder in die Käserei. «Manchmal machen wir gar nichts Bestimmtes, sind einfach nur zusammen, gehen irgendwohin drauflos, völlig unstrukturiert und planlos. Das tut richtig gut und ich geniesse es in vollen Zügen», findet sie.

Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen – das ist für die meisten von uns eigentlich schon eine genügend grosse Herausforderung. Caroline Hilb aber sucht die intellektuelle Herausforderung. Seit ein paar Jahren hat sie sich an der Universität Zürich eingeschrieben und ein Studium in Angewandter Geschichte begonnen. «Das war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe», ist sie überzeugt. Durch die wirtschaftsgeschichtliche Perspektive hat sich ihr Horizont enorm erweitert, was auch für ihre aktuelle Arbeit bei der St. Galler Kantonalbank sehr wertvoll ist.

Yoga zum Auftanken

Caroline Hilb weiss sehr gut, wie sie mit ihren Ressourcen umgehen muss. Sie kennt ihren Körper und ihre Grenzen. Und sie weiss auch, was ihr gut tut. «Ich brauche viel Schlaf. Soziale Kontakte sind mir sehr wichtig – meine Freunde und meine Familie stützen mich», erklärt sie. Und am Abend, wenn Tochter Sophia schläft, alles aufgeräumt ist und sie sich mit ihrem Mann ausgetauscht hat, rollt sie ihre Matte aus und macht für eine gute halbe Stunde Yogaübungen.

Zur Person

Caroline Hilb Paraskevopoulos ist seit 2008 Leiterin Anlagestrategie bei der St.Galler Kantonalbank. Sie leitet den Anlageprozess und kommuniziert die Marktmeinung. Caroline Hilb Paraskevopoulos hat davor als Journalistin gearbeitet und an der Universität Bern Volkswirtschaft studiert. Sie ist verheiratet und Mutter einer Tochter.